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Taschenrechner Gezückt

In meiner Gemeinde versucht mein Lieblingspolitiker seit Jahren, die Steuern zu senken. Der Etat liesse es zu, aber immer wieder kommen neue Wünsche seitens der anderen Ratsmitglieder hinzu: eine neue 30er Zone hier, einen Zustupf für die lokale Tagesstätte dort.

Auf Bundesebene hat man andere Probleme. Als George W. Bush vor Jahren erstmals versuchte, die Steuern in den USA zu senken, hallten die Schreie der Empörung bis in die alte Welt. Reichengeschenk!

Die Begründung für den Sturm der Entrüstung: Reiche erhalten rein rechnerisch mehr als Arme. Das hat Michael Moore in Dude Where's My Country auch ganz anschaulich allen erklärt, die es lesen wollten.

Dieses Kettenmail - vor langer Zeit durch meine Inbox rein- und durch die Outbox an alle Freunde wieder rausgerauscht - zeigt auf, warum dem so ist. Und warum es auch so sein soll.
Es waren einmal zehn Männer, die gingen jeden Tag miteinander zum Essen.

Und die Rechnung für alle zusammen betrug jeden Tag genau 100 Franken.

Die Gäste teilten die Rechnung nicht einfach durch zehn sondern so ungleich, wie wir unsere Steuern zahlen. Vier der zehn Gäste, die Ärmsten, zahlten gar nichts. Der Fünfte zahlte 1 Franken, der Sechste 3, der Siebte 7, der Achte 12 und der Neunte 18 Franken. Der Zehnte, der Reichste, zahlte 59 Franken.

Das ging eine ganze Zeit lang gut. Jeden Tag kamen sie zum Essen, alle waren zufrieden.

Doch eines Tages brachte der Wirt dieses Arrangement fürchterlich durcheinander.

Dabei hatte er es nur gut gemeint: Er schlug vor, den Preis für das Essen von 100 auf 80
Franken zu reduzieren.

„Weil Sie alle so gute Gäste sind!“, sagte er. Wie nett von ihm!

Das Problem war nur: Die Gruppe wollte unbedingt weiterhin nach dem progressiven System bezahlen, nach welchem wir besteuert werden. Dabei war klar, dass sich für die ersten vier Gäste nichts ändern sollte: Sie bekamen weiter freie Kost. Aber wie sollten die übrigen sechs die 20 Franken Entlastung gerecht aufteilen?

Sollte einfach jeder ein Sechstel davon bekommen, also 3,33 Franken weniger zahlen?

Das hätte wohl Streit gegeben: Die Gäste Nummer fünf und sechs bezahlten ja bisher nur 1 bzw. 3 Franken- sie hätten dann für das essen Geld bekommen, statt dafür zu bezahlen. Also machte der Wirt noch einen zweiten, ebenfalls gut gemeinten Vorschlag. Und damit nahm das Unglück seinen Lauf. Er schlug nämlich vor:

Die 6 zahlenden Gäste sollten nicht absolut, sondern prozentual gleich stark entlastet werden. Oder wenigstens ungefähr, sofern das bei runden Frankenbeträgen möglich wäre. Der Wirt kramte einen Bleistift aus seiner Schürze hervor, nahm einen Bierdeckel und kritzelte eine Weile darauf herum. Heraus kam die folgende neue Lastenverteilung:

Der Gast Nummer fünf, der bisher nur 1 Franken zahlte, aß wie die ersten vier Gäste umsonst (100% Entlastung). Der Sechste zahlte statt 3 nur 2 Franken (33% Entlastung), der Siebte statt 7 nur 5 Franken (28% Entlastung), der Achte statt 12 nur 9 Franken (25% Entlastung) und der Neunte statt 18 nur 14 Franken (22% Entlastung).

Für den Zehnten, den Reichsten, ergab der Bierdeckel noch 16 Prozent Entlastung: Er musste statt 59 nun 49 Franken zahlen. Zufrieden verabschiedeten sich die Gäste vom Wirt. Es schien eine prima Lösung: Statt vier essen fünf Gäste kostenlos, und die anderen werden spürbar entlastet.

Aber als sie vor der Wirtschaft noch mal nachrechneten, erwies sich auch diese Regelung plötzlich als konfliktträchtig. „Ich habe von den 20 Franken nur einen einzigen abgekriegt“, sagte der fünfte Gast und zeigte auf den zehnten Gast, den Reichen. „Aber der da kriegt 10 Franken!“ Da rief der Sechste: „Stimmt- ich habe auch nur 1 Franken gekriegt, und der da zehnmal so viel.“ Auch der Siebte wurde jetzt sauer: „Wie wahr - warum kriegt der da 10 Franken zurück und ich nur 2? Der ist doch sowieso schon reicher als ich.“

Wie aus einem Munde riefen die Gäste Nummer eins bis vier, die schon immer kostenlos aßen: „Wir haben überhaupt nichts bekommen. Das System beutet die Armen aus!!!“

Und am Ende gingen die neun gemeinsam auf den Zehnten los und verprügelten ihn.

Am nächsten Tag tauchte der zehnte Gast nicht zum Essen auf und die übrigen aßen ohne ihn. Aber als es an der Zeit war, die Rechnung zu begleichen, stellten sie etwas Außerordentliches fest: Sie hatten alle zusammen nicht genug Geld, um auch nur die Hälfte der Rechnung zu zahlen!

Und wenn sie nicht verhungert sind dann wundern sie sich noch heute.

Und so funktioniert auch unser Steuersystem: Wer die höchsten Steuern zahlt, hat den größten Vorteil bei einer Steuersenkung. Sonst kann es passieren, dass er irgendwann nicht mehr am Tisch erscheint. In Monaco und in der Karibik gibt es auch ganz tolle Restaurants.
Wiederentdeckt bei Beat's Blog.
djupp (Gast) - 22. Okt, 15:33

Aha!

Also Sie behaupten:
Der Staat, also die Schweiz, gibt 100 Fr. (100%) aus. Für die Armee, für die Bahn, für die Post und für die Kranken, für die Armen und für die Jungen, und natürlich für die Alten.
Nun kommt also plötzlich jemand, und sagt wir geben nur noch 80% aus. Und alle sollen sich darüber freuen? Das ungerechte an Steuererleichterungen ist eben nicht, dass da der eine mehr erleichtert wird, als der andere, sondern dass dadurch Mittel beim Staat fehlen, die für einen Teil der Gesellschaft unerlässlich sind. So. Und in Monaco gibt's keine Armee, und keine Neutralität, und auch keinen Emmentaler. Soviel zu konservativem Wirtschaftsliberalismus, da müssten sie sich schon entscheiden.

CptEggman - 22. Okt, 16:22

Das Rechenbeispiel adressiert nur die Frage, ob und wie gerecht eine Steuersenkung aufgeteilt werden kann. Denn das Argument "Reichengeschenk" kommt wie das Amen in der Kirche, meist nachdem den Big Government Leuten die sonstigen Argumente gegen Steuersenkungen ausgegangen sind.

Das ungerechte an Steuererleichterungen ist eben [...] dass dadurch Mittel beim Staat fehlen, die für einen Teil der Gesellschaft unerlässlich sind.
Über was unerlässlich ist und was nicht, kann man Streiten. Aber wenn am Ende des Fiskaljahres ein paar Milliarden übrig sind, gehören diese dem Volk und nicht dem Staat.

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